FARBKARTEN_2019
36 Betonquader, grüne Farbe
je 55 cm x 35 cm x 10 cm
Das Werk Farbkarten besteht aus 36 unterschiedlich grün gefärbten Betonquadern, die den Grüntönen im offiziellen „RAL-Farbsystem Classic“ entsprechen. Die zwischen einem forstwirtschaftlich strukturierten Pflanzenverband von Buchen, in gleichmäßigen Reihen angeordneten Farbkarten, bilden ein Raster. Der Kontrast zwischen den vorhandenen, sich im Jahr wandelnden Naturfarben der Vegetation und der künstlich hergestellten, die Natur imitierenden RAL-Farben der Farbquader, bestimmen in meinem Werk die Wahrnehmung des Ortes sowie ihr Zusammenspiel von Struktur, Licht und Geometrie. Das Werk nimmt sowohl die Erfass- und Planbarkeit von Farbe als auch ihre Unbestimmbarkeit in den Blick (mehr Text ↴ siehe unten).
Das Werk Farbkarten besteht aus 36 unterschiedlich grün gefärbten Betonquadern, die den Grüntönen im offiziellen „RAL-Farbsystem Classic“ entsprechen. Die zwischen einem forstwirtschaftlich strukturierten Pflanzenverband von Buchen, in gleichmäßigen Reihen angeordneten Farbkarten, bilden ein Raster in Analogie zur charakteristischen Bauweise eines Fachwerkhauses, bestehend aus einem Skelett aus verstrebtem Holz (den Bäumen in Reih und Glied) und den jeweiligen Zwischenräumen (dem Gefach), die mit den Farbkarten (Beton statt Lehm-Stroh-Gemisch) ausgefüllt sind.
Die Wahl der Farbe Grün für die Farbkarten beruht auf der Beobachtung beim Erkunden des Flecker Waldes. Neben den vorherrschenden Brauntönen fallen besonders die grün bemoosten Baumstämme auf, die wie eine grüne Wand der kargen braunschwarzen Wintervegetation eindrucksvoll trotzen. So soll sich das Grün durch die Installation weiter auf dem Waldboden ausdehnen. Die im Frühling und Sommer hinzukommenden belaubten Baumkronen und kleinen Kräuter, Moose und Gräser zwischen den Quadern ergänzen diese grüne Welt mit weiteren Grüntönen.
Der Kontrast zwischen den vorhandenen, sich im Jahr wandelnden Naturfarben der Vegetation und der künstlich hergestellten, die Natur imitierenden RAL-Farben der Farbquader, bestimmen in meinem Werk die Wahrnehmung des Ortes sowie ihr Zusammenspiel von Struktur, Licht und Geometrie. Farbe changiert zwischen Autonomie und Zweckgebundenheit. Das Werk nimmt sowohl die Erfass- und Planbarkeit von Farbe als auch ihre Unbestimmbarkeit in den Blick. Nicht nur das visuelle Ergebnis der Farbbetrachtung offenbart Unterschiede zwischen naturfarben (das Auftreten der Farben in der Natur) und gefärbt (ungefärbte Gegenstände in Tönen einfärben) durch das Vergleichen der Farbkarten mit der Natur. Auch Wortschöpfungen können den Begriff Farbe nicht exakt definieren. Ein normalsichtiger Mensch kann zwischen 100.000 und einer Million Farbnuancen unterscheiden, doch fehlen ihm für die meisten Farbeindrücke allgemein verbindliche Bezeichnungen. Normierte Farbskalen, wie das RAL-System, in dem einzelne Farben nach Helligkeit, Sättigung und Buntton und einer Kombination von Buchstaben und Zahlen festgelegt werden, können nur eine begrenzte Hilfe sein. Die Farbbezeichnungen der RAL-Grüntöne sind Vergleichs- und Trivialnamen, die sich auf weit verbreitete Materialien der Natur und der urbanen Welt beziehen: Patinagrün, Smaragdgrün, Laubgrün, Blaugrün, Moosgrün, Flaschengrün, Tannengrün, Grasgrün usw. (siehe Tabelle). Die teils metaphorischen und atmosphärischen Bezeichnungen ordnen die Farben in ein ästhetisches und formales Medium.
Meine konzeptionelle Herangehensweise im Einordnen von Fremden in vorgefundene und von Menschen gemachte Systeme bzw. die Darstellung eines Farbrasters in der Natur lassen Wirkungszusammenhänge und vergleichende Wechselbeziehungen von Farbe, Ökologie und Ökonomie entstehen. Es führt je nach Blickwinkel zu einer Diskrepanz und Vermischung zwischen dem Anschein urwüchsiger Natur und effizienter Bepflanzung, Naturfarben und Farbsystemen. Farbe ist ein entscheidendes Element als Gestaltungs- und Kommunikationsmittel in Architektur, Design und Natur und weist zudem ein sinnliches Potenzial mit vielschichtigen Interpretationsspielräumen auf.
Text + Fotos: Kai Gieseler