WO DIE FERNE PLANLOS IST_2019
Injektprints auf Karton
54-tlg., (unterschiedliche Größen)
Wenn die Ferne nicht sichtbar ist, kann dies zu einer Desorientierung führen. In einer Poesie der Desorientierung heißt es, aus dem Hier ein Anderswo abzulesen, sich auf die unerklärbare Differenz einzulassen, den bequemen Standby-Modus zu verlassen und einfach losgehen (mehr Text ↴ siehe unten).
Ausstellungsansichten: Wo die Ferne planlos ist, Kulturbahnhof Kreuztal, 2019
"Ich befinde mich hier“ antwortet mehr oder weniger der Stadtplan mit einem roten Punkt inmitten von Unmengen unterschiedlicher Zeichen, Linien und Wörtern auf den im öffentlichem Raum aufgestellten Hinweistafeln. Auf der Suche nach dem Standort tippt man gleichzeitig auf diesen Punkt, der mit jedem Fingerzeig allmählich verschwindet. Die Oberfläche nutzt sich ab, die Farbe verflüchtigt sich – ein Massenphänomen.
Die instinktive Geste wirkt der eigentlichen Suche nach Orientierung genau entgegen. Das Entscheidende fehlt. Der Erkenntnisgewinn wird durchkreuzt. Das Orientierungssystem ist überlastet, error, unverfügbar und unlesbar wie meine große Fotografie eines Standpunktes veranschaulicht: feine Linien und eine Spur von Farbe bleiben als Sediment des Abriebs übrig. „Wo ist der Ort, wo ich hin will?“ ist die zweite Frage. Hat man sein Ziel auf dem Plan gefunden, ergibt sich ein virtueller Weg, den man mit der Realität in Übereinstimmung bringen muss. Die Koordinaten werden in eine räumliche Wirklichkeit übertragen: das Vertikale muss in die Horizontale. Denn der Standort ist im geografischen Sinn die eigene Position auf der Erdoberfläche - also dort wo ich tatsächlich stehe; quasi auf dem roten Standpunkt.
Da wir das Einmessen nach den Himmelsrichtungen, der Sonne und die Möglichkeit der Orientierung nach externen Sichtpunkten (ein Strommast, ein Berg oder ein sehr hohes Gebäude) verlernt haben, gebrauchen wir als Wegweiser artifizielle Krücken und abstrakte Orientierungssysteme wie Stadtpläne, Wanderkarten, Navigationsgeräte oder Apps auf dem Smartphone.
Orientierung wird aufgrund von externen, entfernten und stabilen Punkten konstruiert. Wenn man diese verliert, weil die vorhandene Information nicht nutzbar oder die Ferne nicht sichtbar ist, kann dies zu einer Desorientierung führen. Wenn alles, was ich sehe nach und nach im Nebel verschwindet, die Verbindung unterbrochen wird oder nur noch fragmentarisch aufleuchtet, weiß ich beim Verlassen bekannter Territorien nicht mehr, wo ich stehe und gehe. Ich muss mich eigenständig orten und dabei Richtung, Geschwindigkeit und Zeit selbst bestimmen. Dabei ermöglicht die gescheiterte Übereinstimmung zwischen Plan und Wirklichkeit eine Neugier und Interesse gegenüber dem Fremden. Man kann das Fremde sozusagen als temporärer Analphabet entdecken ohne alles sofort verstehen zu müssen. Der Verstand ist das verbindende Element über Zeit und Raum. Das Wort (Sprache und Schrift) und das Bild (Fläche und Form) sind Medien, mit denen wir uns mitteilen und ausdrücken.
In einer Poesie der Desorientierung heißt es, aus dem Hier ein Anderswo abzulesen, sich auf die unerklärbare Differenz einzulassen, den bequemen Standby-Modus zu verlassen und einfach losgehen - das machen wir viel zu selten. In diesem Verständnis entdecke ich beim späteren Abschreiten und Eintauchen in die vor Ort abfotografierten Stellwände der Wanderkarten in den herangezoomten Ausschnitten im Fotobearbeitungsprogramm vorher nicht beachtete Feinheiten und Ausblicke.
In der Aneinanderreihung der malerischen Fotografien bzw. Ausschnitte aus verschiedenen Karten entsteht ein neuer Weg.
Text + Fotos: Kai Gieseler
Ein Plädoyer, sich öfter zu verlaufen
Ausstellungseröffnung „Wo die Ferne planlos ist“,
Kulturbahnhof Kreuztal,
Ausstellungsreihe "Szenenwechsel",
2019
Text: Frederike Ira Haas, Kunstwissenschaftlerin
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um ein Plädoyer dafür zu halten, sich öfter mal zu verlaufen.
In der Regel tun wir unser bestes, um gerade dies, also das sich-Verlaufen, zu vermeiden. Gerne haben wir einen möglichst genauen Plan unserer eigenen Position. Wir gehen soweit zu versuchen, unser Selbstverständnis über unser Verhältnis zur Umgebung zu definieren. Mit den großen Fragen wie „Wo komme ich her?“, „Wo gehen wir hin?“ stellen wir letztlich auch Fragen, die sich der Vorstellung von Existenz als einer Bewegung im Raum bedienen. Wer der eigenen Verortung nicht ganz sicher ist, kann sich bemühen auf Selbstsuche zu gehen – mit der Hoffnung verbunden, dass es irgendwo einen Punkt gäbe, an dem man sich finden könne, einen bestimmten Ort, an dem man seinen Platz habe. Das Sicherheitsgefühl, das Antworten auf die Frage der Verortung versprechen, stützt sich dabei stark auf die Annahme, dass der Raum eine gesetzte Größe sei, ein verlässlicher Ankerpunkt, auf den ich mich deswegen beziehen könne. Um diese Verortung im Raum zu erleichtern, benutzen wir unzählige Hilfsmittel. Diese Orientierungsmittel bringen dabei ihren jeweils eigenen Charakter mit, der Einfluss darauf nimmt, wie wir unseren Umraum wahrnehmen. Die Erfahrung zeigt, dass es zum Beispiel einen riesigen Unterschied bedeutet, ob man beim Autofahren auf unbekanntem Straßen der Autorität eines Navigationsgeräts folgt, oder ob man, sich mit einem ADAC-Atlas lesenden Beifahrer streitend, Wege erschließt. Und so kann sich mit der Entwicklung neuer und dem Vergessen alter Orientierungsmittel auch unsere Sicht auf unser direktes Umfeld wandeln. Eines dieser Hilfsmittel, nämlich die klassische Wandertafel, hat Kai Gieseler für ihre Arbeit als Rohmaterial genutzt, um daraus ganz neue Bilder zu generieren. Diese Orientierungstafeln - die wir von Waldgebieten genauso wie aus Stadtzentren kennen – zeigen uns schematisch einen Ausschnitt der meist etwas weiteren Umgebung. Der eigene Standpunkt wird dabei deutlich mit einem großen Punkt markiert. Ein vielleicht besonders schönes Exemplar eines solchen Punktes bietet uns auch Kais Arbeit als möglichen Ausgangsort der Betrachtung an. Häufig werden diese Punkte auch noch mit Pfeilen und Deklarationen wie „Hier sind Sie!“ unterstrichen. Aber wie immer, wenn etwas mit solch vehementer Selbstverständlich-keit behauptet wird, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Was Kai bei dieser Arbeit macht – und wir dabei mit ihr – ist genau das: eine Geste des genauer-Hinsehens. Ihr Blick geht, wie aus Neugierde, Zweifel, oder dem Bedürfnis mehr zu erkennen, immer näher heran, und kommt dabei schließlich dem Anschauungs-objekt unglaublich nah. Und hier passiert der überraschende Moment: Die Nahsicht erlaubt uns überhaupt nicht, die Orientierungsmarker deutlicher zu lesen. Aber statt Klarheit bietet dieser Blick etwas Neues – zwischen den Linien feinster Kratzspuren und herangezoomten Farbflächen eröffnen sich dem Auge ganz neue Landschaften. Kais Arbeit schenkt uns so einen ungewohnten Raum, in dem wir Orientierungslosigkeit erleben können, ein sich-Verlaufen im besten Sinne, eine Verunsicherung bezüglich eingeübter Orientierungsverfahren, die uns aber auffordert, unsere Wahrnehmung zu nutzen – denn Wahrnehmung ist schließlich die Bedingung für die Gelegenheit der Neu-orientierung. Wir erleben die Orientierung im Raum plötzlich nicht mehr als feststehende Information, die uns von außen gegeben wird und klar bestimmt ist. Ohne diese Sicherheit erfordert Verortung von uns dann eine aktive Handlung, einen Prozess der fortwährenden Wahrnehmung, einen Prozess, bei dem wir keinen fixen Punkt finden können, kein Endergebnis, an dem wir stehen bleiben könnten, weil alles geklärt ist. Kai Gieseler zeigt sich hier als eine großzügige Künstlerin: Sie gibt uns in dieser Arbeit sehr viel Raum für eine wandernde, für eine suchende Wahrnehmung. „Wo die Ferne planlos ist“ drängt uns nicht zur schnellen Betrachtung und zwingt auch nicht zur eindeutigen Lesart. Diese Arbeit erlaubt unterschiedlichste Annäherungen, gleichermaßen theoretische wie visuelle Zugänge.
Es ist zum einen eine ästhetisch unglaublich reiche Arbeit, an deren Bildern man sich nicht schnell sattsehen kann – ich glaube es ist möglich, sich beim Betrachten immer wieder und immer wieder anders mit den Augen in diesen Bildern zu verlieren. Gerade dafür ist der Standort der Ausstellung hier im Bahnhof, wo das Publikum vermutlich zu einem großen Teil aus wiederkehrenden Pendlern bestehen wird, sehr glücklich. Die Frage nach der Verortung im Raum kann auch die ganz subjektive Frage nach dem eigenen Standpunkt im privaten Nahumfeld auslösen, danach, was für Räume wir persönlich einnehmen, wie wir sie verstehen und wie wir sie mit anderen teilen. Gleichzeitig ist der Übergang von dieser Frage zur politischen Bedeutung von Bewegung im Raum ganz nah. Wenn momentan über verschiedene Grenzen Europas debattiert wird – mit dem Brexit in Irland oder über Seenotrettung im Mittelmeer – dann geht es dabei auch um Rechte, sich durch definierte Räume zu bewegen, und darum, wem diese Rechte zugestanden werden. Sollten wir uns jetzt vollkommen verlaufen haben, so möchte ich damit trösten, dass der Verlust des selbstverständlichen Standpunktes auch den Gewinn neuer Bewegungsfreiheiten bedeuten kann. Und wir müssen uns nicht allein auf unsere Wahrnehmung zurückgeworfen fühlen, sondern können die Uneindeutigkeit als Chance nutzen, uns über unsere Wahrnehmung, über verschiedene wie gemeinsame Standpunkte auszutauschen.
Kai Gieseler bietet uns mit ihrer Arbeit einen Eingriff in den Raum, den wir heute teilen und nun die Gelegenheit, sich gemeinsam mit ihrer Arbeit zu verlaufen.