TIMELINES_2018/19


Injektprints auf Alu-Dibond

mehrteilig
unterschiedliche Größen


Das fotografische Werk Timelines ist eine Fortführung meiner Videoinstallation Stumme Narrative (2018).

Beim Film existieren die Einzelbilder nur im technischen Prozess, nicht aber für das Auge des Zuschauers. Das Prinzip der Einzelteile taucht erst wieder auf, sobald man mit Hilfe der Montage Zeit- und Raumsprünge bewusstwerden lässt. In meinem künstlerischen Prozess zerlege ich zunächst die Bewegung, setze sie zusammen und zerlege sie für die Fotografien Timelines erneut. Es sind genau jene Einzelbilder in der Timeline des Filmbearbeitungsprogramms, die das Programm generiert. Die Film-Erzählung wird komprimiert und zu reinen Farb- und Formelementen verdichtet. Die Timelines sind zugleich Resultat wie auch Repräsentation von Bewegung und Farben (mehr Text ↴  siehe unten).

Das fotografische Werk Timelines ist eine Fortführung meiner Videoinstallation Stumme Narrative  (2018), in der ich einzelne analoge Farbfotos des Künstlers Uli Bossmann an einer Wand montiere und sie mit einer Videokamera abfilme. Ich ermögliche das unmittelbare Nebeneinander räumlich und zeitlich nicht zusammengehöriger Szenen (Filmcollage). In der Realität muss jeder Raum und jede Zeit vollständig durchmessen werden. Im Film kann man Dinge nebeneinander bringen, die, wenn überhaupt nur begrifflich, nicht raumzeitlich zueinander gehören. Ich greife dabei zu einem Hilfsmittel und täusche die Bewegung des Films durch das Abfilmen der Einzelbilder vor. Genauso wie Uli Bossmann, hinter der Fotokamera stand und die Farbfotos machte, bewege ich mich mit der Videokamera an genau jenen Farbfotos vorbei als stünde ich hinter ihm. In all den Sequenzen wird die Filmkamera nicht als objektiver Registrierapparat, sondern als Medium meiner singulären Wahrnehmung eingesetzt. Das Mitwirken meiner physischen Präsenz im Aufnahmeprozess ist durch die Aufnahme ohne ein Stativ deutlich zu spüren. Ich bin zudem auch körperlich in der Aufnahme, da ich mich während dem Filmen in den hochglänzenden Farbfotografien spiegele. So werde ich selbst im ausgelösten Bildtransport mitgerissen und bin Teil des Fremden. Die Unmittelbarkeit und meine konkrete Gegenwart in der Bewegung beim Abschreiten der Bilder sind hier konstitutiv.

Beim Film existieren die Einzelbilder nur im technischen Prozess, nicht aber für das Auge des Zuschauers. Ich benutze den Vorgang der Filmaufnahme und –vorführung und ihre spezifische Struktur als eine charakteristische Bewegung, die der Zelluloidstreifen in den ersten Filmkameras ausführte, während er von der einen Spule in die andere läuft. Das Prinzip der Einzelteile taucht erst wieder auf, sobald man mit Hilfe der Montage dem Zuschauer Zeit- und Raumsprünge bewusstwerden lässt. Die Bildfolge wird sowohl bei der Aufnahme als auch beim Schnitt als „graphisches Nebeneinander“ gesehen (Barthes, Roland: Die Fotografie als Botschaft, in: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn, 1990, S. 139). In meinem künstlerischen Prozess zerlege ich zunächst die Bewegung, setze sie zusammen und zerlege sie für die Fotografien Timelines erneut. Es sind genau jene Einzelbilder in der Timeline des Filmbearbeitungsprogramms, die das Programm generiert. Durch die meist hohe Geschwindigkeit beim Abfilmen wird ein Wiedererkennen einzelnen Bilder unmöglich. Die fragmentierte Erzählung wird auf eine dichte Bildstruktur komprimiert, in der eine „Entmaterialisierung“ der verwendeten Materialien zu reinen Farb- und Formelementen zum Ausdruck kommt (Wiesing, Lambert: Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik, 1997, S. 170).


Die Timelines sind zugleich Resultat wie auch Repräsentation von Bewegung und Bossmanns Farben. Seine Farbfotos werden durch meine Aneignung nur noch ein abgelöstes Ding in sich, wie Worte in einem Tagebuch, die nach einer Weile etwas anderes bedeuten als in dem Moment, als man es geschrieben hat.


Text + Fotos: Kai Gieseler