STUMME NARRATIVE_2018
Videoinstallation:
Länge: 60:11 min, Full HD, Farbe, ohne Ton
Installation: Kupferstangen, Seidenstoff, Zucker
362 x 100 x 36 cm
Das Werk Stumme Narrative ist ein aktiver Umgang mit einer Sammlung als einem Arbeitsarchiv, als Ausgangsmaterial oder Rohmaterial in einer strategischen Aneignung fremden Materials und einer fremden Person.
Aus isolierten Einzelbildern entsteht ein Film, eine Episode oder Sequenz, die durch meinen Eingriff nun graphisch, räumlich, zeitlich, thematisch und szenisch zusammenhängt. Die Dinge werden einem Zweck zugeführt, dem Zweck der Narration. Die Komposition aus rhythmischen Videosequenzen, dem reflektierendem Kupfergestell und dem semitransparenten Seidenkasten in der Dunkelheit des Raumes formen einen skulpturalen Lichtkörper (mehr Text ↴ siehe unten).
Mir wurde etwas gegeben, das sich einem erkennenden Zu- oder Eingriff entzieht. Es erscheint stumm und unverfügbar. Bietet die Leere nicht aber doch Anhaltspunkte für eine künstlerische Aneignung? Lässt sich daraus etwas erschließen, was erlaubt, so etwas wie Unverfügbarkeit verfügbar zu machen?
Ich verfüge über einen Fundus des im Jahr 2007 verstorbenen Künstlers Uli Bossmann, der Ausgangspunkt und Klammer dieser und anderer Arbeiten bildet. Was hatte Uli Bossmann mit diesen Dingen vor? Der Bedeutungstransfer hat mit seinem Tod geendet, das grundlegende Insider-Wissen ist abhandengekommen. Dies führt zu einer Umspeicherung und Umbettung in neue Kontexte, in neue Geschichten, die den isolierten Dingen einen Zusammenhang geben, in denen Vergangenheit und Gegenwart scheinbar zusammenfallen. Das Werk Stumme Narrative ist ein aktiver Umgang mit einer Sammlung als einem Arbeitsarchiv, als Ausgangsmaterial oder Rohmaterial in einer strategischen Aneignung fremden Materials und einer fremden Person, denn ich habe Uli Bossmann nicht kennen gelernt.
Der Fotograf Bossmann zog aus, um Momente einzufangen. Die fotografischen Szenen und Dinge sind Abbilder von Szenen und Dingen, die zu irgendeiner Zeit, an irgendeinem Ort existierten bzw. stattfanden. Diese fremden Bilder sind nun bei mir. Aber wie soll man mit dieser unbekannten Sache einer vergangenen Zeit, dem Stillstand der Fotos, umgehen? Die ablaufende Zeit ist dem Medium des Videos immanent. Im Film kann Bewegung erzeugt werden, indem Einzelbilder aneinandergereiht werden. Der Film kann plötzlich zum Stillstand kommen, indem ein unbewegtes Bild eingefügt wird. Ich bringe Bossmanns unsortierte, einzelne Fotostreifen, in eine Abfolge. Aus den nahezu 800 unterschiedlich großen Farbstreifen wähle ich 75 Einzelbilder aus. Nach der Auswahl und der Aneinanderreihung der Einzelbilder, gehe ich an der vier Meter langen Bilderkette sowie den gesamten Wänden mit meiner Filmkamera entlang. Aus den isolierten Einzelbildern entsteht auf diese Weise ein Stück Film, eine Episode oder Sequenz, die durch meinen Eingriff nun graphisch, räumlich, zeitlich, thematisch und szenisch zusammenhängt. Bossmanns Dinge werden einem Zweck zugeführt, dem Zweck der Narration. Eine narrative Organisation ist eine der fundamentalsten Ordnungen der Information, für die Mitteilung ebenso wie für die Erinnerung. Dabei ist eine Narration ein kommunikativer Akt, in dem eine Geschichte entfaltet wird, deren Erschließung Aufgabe eines interpretierenden Zuschauers ist.
Die Narration fällt als bewegtes Bild von der Raumdecke auf den Raumboden, aufgehalten durch 2 x 37 Kupferstäbe, weiter auf einen Stoffkasten (ein aus gezuckertem Seidenstoff entstandene Abformung eines Holzkastens von Uli Bossmann) und vorbei auf den gekachelten Boden. Die einzelnen Stäbe stellen Ebenen dar, in denen die Geschichten durch die Weitererzählung ergänzt und umformuliert werden. So wie ich Geschichten über Uli erzählt bekomme, hat jede Familie seine Geschichten, die sich auf ihrem Weg durch die Erzähler im Prozess der Weitergabe verändern. Die Ausgangserzählung, ähnlich wie beim Spiel Stille Post, ist am Ende für gewöhnlich nicht wiederzuerkennen. Jedoch auch Teile einer Geschichte, die man nicht erzählt, sind Teil der Geschichte. Worte, die man nicht ausspricht, zeigen ihre Wirkung; beim Erzählen wie im Leben. Stille und Schweigen ist etwas Anderes als nur Abwesenheit von Worten. So habe ich die Tonspur im Video gelöscht und keine andere hinzugefügt. Die Stille agiert hier als stummes Narrativ. Eine Reduzierung allein auf unsere visuelle Wahrnehmung bedeutet in dieser Komposition aus Raum und Installation einen signifikanten Mehrwert.
Mein Video wird in einer Endlosschleife mehrfach wiederholt. Ein metrischer Grundpuls aus Einzelbildern und eingefügten Standbilder bilden wiederkehrende Abschnitte, ähnlich einem Takt. Die Komposition aus rhythmischen Videosequenzen, dem reflektierendem Kupfergestell und dem semitransparenten Seidenkasten in der Dunkelheit des Raumes formen einen skulpturalen Lichtkörper. Es wird eine Raumstimmung erzeugt, die das subjektive Empfinden berührt und nicht ausschließlich nach den Bildmotiven des Videos fragt. Sie rücken in eine unscharfe Tiefe. Mein künstlerisches Verfahren entzieht sich einer Abbildlichkeit und Repräsentation genau wie sich mir entscheidende Parameter im Fundus des Uli Bossmann entziehen. Dabei ist die gesamte Installation ein Symbol für das Archiv als Konstruktion für ein Medium einer Gegenwart und nicht als Abbild einer vergangenen Wirklichkeit. Erinnerungen werden aus diesem Archiv nicht abgerufen, sondern eben erst dort gebildet. Es ist ein Ort der Produktion und der free software. Aus Gedächtnisobjekten werden so Gedächtnisprozesse. In diesem experimentellen Zwischen- und Erfahrungsraum entsteht in der Summe ein Bild mit räumlicher Tiefe und ein komplexes Gefüge, das eine Architektur der Narration mit einer mächtigen Stummheit entfaltet. Solche Bilder sind anwesend und gleichzeitig abwesend, unverfügbar.
Text + Fotos: Kai Gieseler
Ausstellungsansichten: Milchhof, Siegen, 2018