DIE DINGE SIND DIE ORTE_2016
Injektprints, Audio (siehe QR-Code)
135-tlg., je 17 x 17 cm
Dinge werden weitergegeben, vererbt, bewahrt, archiviert, transformiert oder gehen verloren. Man kann sich fragen, welche Bedeutung an ihnen haftet oder nicht - ein Wert, eine Erinnerung - individuell oder kollektiv. Ein loser Materialfundus in einem alten Holzkoffer eines verstorbenen Künstlers wird einzeln sachlich abfotografiert. In der digitalen Nachbearbeitung werden die unterschiedlich großen Dingen auf ein Größe skaliert - nüchtern vereinheitlicht: gleiches Licht, gleiches Format, schwarz/weiß...(mehr Text ↴ siehe unten).
Auswahl:
Ausstellungsansicht, Brauhaus Siegen, 2016
Dinge werden weitergegeben, vererbt, bewahrt, archiviert, transformiert oder gehen verloren. Man kann sich fragen, welche Bedeutung an ihnen haftet oder nicht - ein Wert, eine Erinnerung - individuell oder kollektiv. In welcher Weise knüpfen sich Geschichten oder Vergangenheitsspuren insbesondere an geerbte Dinge? Inwieweit ist dieses Wissen überhaupt wichtig? Betrachtet man die Transfers von Dingen lediglich als einen Ortswechsel oder trägt jedes Ding nun den Ort in sich? Ein loser Materialfundus in einem alten Holzkoffer eines verstorbenen Künstlers wird einzeln sachlich abfotografiert. In der digitalen Nachbearbeitung werden die unterschiedlich großen Dingen auf ein Größe skaliert - nüchtern vereinheitlicht: gleiches Licht, gleiches Format, schwarz/weiß.
Schrauben, Nägel, Ringe, Klingen, Schlüssel u. v. m. Kein Ding soll in den Vordergrund rücken. Alle sind gleichwertig. Ich ordne sie ohne Hierarchie, nebeneinander, übereinander, einzeln, jedes an einen Platz. Keines hat mehr Bedeutung als das andere. Ich bringe die Dinge in Einklang. Sie nähern sich an. An was? An sich? Relikte einer niemals zu rekonstruierenden Wirklichkeit. Das Material, alle Fundstücke, alle Schnipsel, auch der Müll, haben ihren Ort verloren. Jetzt sind die Dinge der Ort. Was bedeutet es, wenn die Dinge zu Orten werden? Ein Ort der Suche? In ihnen und mit ihnen gehe ich auf die Suche nach dem Abwesenden. Die Arbeiten sind Versatzstücke, aus Eigenem und Fremden und werden genau so zu etwas Neuem.
Unterstützt wird dies durch eine Audioaufnahme mit den von Kai Gieseler aufgesprochenen Werktiteln des verstorbenen Künstlers.
Text + Fotos: Kai Gieseler
Audio zum Werk
Titel von Ulli Bossmanns Werke
UL(L)I - Die Dinge sind die Orte. Eine unmögliche Suche.
Eröffnungsrede (Auszug)
Einzel-Ausstellung, KulturFlecken Silberstern, Freudenberg
2016
Text: Dr. Phil. Katja Hoffmann, Kunst- und Medienwissenschaftlerin
Uli
Diese Ausstellung erzählt etwas von einem Ulli, das habe ich auf dieser Karte gesehen. Dieser Ulli ist mir unbekannt. Auch Kai Gieseler, die Künstlerin: Sie kannte ihn nicht. Er lebt nicht mehr. Vielleicht kennen einige von Ihnen Uli, den Kai Gieseler und ich nicht kannten.
Dafür kennen Sie vielleicht Kai Gieseler und auch mich nicht, die wir Uli nicht kennen.
Wir haben es also mit einer Reihe von Unbekannten zu tun.
Und diese Ausstellung, dieser Ort hier, stellt eine Annäherung an das Unbekannte dar. So würde ich es beschreiben. Vielleicht auch den Ort einer unmöglichen Annäherung an das Unbekannte. Aber: wir versuchen es.
Insbesondere Kai Gieseler hat es versucht. Sie hat sich angenähert. Die Frage ist nur: an was, an wen? Ich habe sie gefragt, ob sie ihre Arbeiten als Annäherung an die Person, an Uli, verstehen würde. Sie hat »Nein« gesagt. »Dass das vielleicht hart klingt«, hat sie gesagt. Ich kann das verstehen, dass sie »Nein« gesagt hat. Weil ich mich ihren Arbeiten angenähert habe.
Uli ist gestorben. Im Jahr 2006. Er hat Fotografie, Grafik und Design studiert, das schreibt seine Schwester Gabriele Bossmann, in einem Katalog über ihn – ihn, Ulrich Bossmann[1]. Der Katalog hat den Untertitel: »Die Beschreibung eines Künstlers«. »In Dortmund hat er studiert«, ergänzt Kai Gieseler[2].
Kai Gieseler sagt »Nein«, es ist keine Annäherung an die Person Ulrich Bossmann, es ist keine Beschreibung des Künstlers, so wie sie die Schwester vorgenommen hat. »Einmal habe ich ihn gesehen, auf seiner letzten Ausstellung. Aber ich habe ihn nicht gekannt«, sagt sie. Sie kann ihn nicht beschreiben.
Kai Gieseler hat den Nachlass des Ateliers von Uli Bossmann erhalten. Eine Gabe.
Eine Gabe ist Ausdruck der Wertschätzung. Wer sie bekommt, kann in Freiheit entscheiden, was mit ihr passiert. Eine Gabe fordert keine Gegenleistung. Wenn sie etwas nach sich zieht, dann ist es die Wertschätzung. Der oder die Beschenkte kann ihr Ausdruck verleihen.
Das hat Kai Gieseler getan. Johanna Ulrike Bossmann, die ehemalige Frau von Uli, hat ihr, diesen Nachlass, überlassen: Altes Zeug. Schnipsel. Koffer mit unzähligem Arbeitsmaterial. Schablonen. Reste von unfertigen Arbeiten. Werkzeug. Vieles, ungeordnet. Im Katalog von Gabriele Bossmann steht: Uli der Sammler und Aufbewahrer. Uli der Improvisator. Uli der Fantast.
Die Dinge
Die Dinge sind die Orte, 2016
Einen Einblick in die Vielfalt und Kleinteiligkeit seines Arbeitsmaterials, das Kai Gieseler akribisch und sachlich abfotografiert hat, bekommt man, wenn man um die Ecke schaut (Abb. 2). Dort finden Sie die Bestände eines Koffers von Uli Bossmann – der jetzt Kai Gieseler gehört. Sie hat die Dinge aus dem Koffer abfotografiert. Nüchtern, gleichrangig, gleiches Licht, gleiches Format, schwarz/weiß: Schrauben, Nägel, Ringe, Klingen, Büroklammern, Schlüssel, vieles mehr, manches unidentifizierbar. »Uli der Chaot« schreibt Gabriele Bossmann.[4] Kai Gieseler hingegen hat die Dinge geordnet: ohne Hierarchie, nebeneinander, einzeln, jedes an seinem Platz. Keines hat mehr Bedeutung als das andere. Alle aber sind von Uli Bossmann. Trotzdem: »Dinge an sich« sagt Kai Gieseler. Sie konfrontiert sie mit den Titeln zahlreicher Werke von Ulrich Bossmann. Innerhalb der fotografischen Installation sind sie durch eine Stimme aus dem Off hörbar. „Blaues Dreieck wiederholt sich in Punkten“, „Das Nachdenken will vorgedacht sein“, „Durch die geschlossene Tür“, „Experiment mit Halbstuhl“, „Federflug“, „Windsegel“, „Wundertüte“.
Was hat Kai Gieseler also gemacht mit diesem Nachlass, den sie vor etwa 6 Jahren erhalten hat? – Erstmal nichts.
Die Dinge haben geruht. Im Jahr 2011 hat sie ihr Kunststudium an der Universität Siegen aufgenommen. Dann irgendwann erst hat sie angefangen sich diesem Bestand, diesem Nachlass, in tastenden Schritten anzunähern.
Die Dinge haben geruht. Dann sind sie allmählich erst zu Orten geworden.
»Die Dinge sind die Orte«, so der Titel der bereits erwähnten Arbeit, mit den beinahe unzähligen Relikten aus Bossmanns Atelier.
Ich habe lange darüber nachgedacht. Was bedeutet es, wenn die Dinge zu Orten werden? Vielleicht kann man Kai Gieselers Verfahren am ehesten als eine unmögliche, auch unendliche Suche, als eine Suchbewegung, als einen Prozess des Suchens beschreiben. Sie pendelt in ihren explorativen Verfahren zwischen dem Suchen und dem Scheitern der Suche. Ihre Bilder und Objekte stellen in einem konstruktiven Sinne gescheiterte Rekonstruktionen dar.
Anwesende Abwesenheit
Kai Gieseler arbeitet mit der Unmöglichkeit, Abwesendes in die Anwesenheit zu überführen. Die Dinge sind die Orte.
Hans Belting schreibt in seinem prominenten Buch mit dem Titel »Bild-Anthroplogie«: »Der Tote löst die berühmte Frage nach dem Wo aus. Er hat mit seinem Körper auch seinen Ort verloren.«[5] Anknüpfend an diesen Gedanken kann man sagen: auch Ulis Atelier hat seinen Ort verloren. Es sind allein noch die Dinge, die diesen Ort repräsentieren: Relikte einer niemals zu rekonstruierenden Wirklichkeit. Das Material, alle Fundstücke, alle Schnipsel, auch der Müll, haben ihren Ort verloren: Jetzt sind die Dinge der Ort.
Unwiederbringlich, der Mensch.
An dieser Unwiederbringlichkeit arbeitet Kai Gieseler, an dieser kontinuierlichen Abwesenheit des Ortes und dem, was dort geschehen ist. Belting schreibt: »Die Suche nach dem Toten ist in den meisten historischen Kulturen die Suche nach seinem Ort. [...] Dieser Ort, der nur ein symbolischer sein kann, ist das Grab, das heute auf dem Friedhof liegt.«[6]
Bei Kai Gieseler wird dieser Ort der Suche zu den Dingen, mit denen sie arbeitet. In ihnen und mit ihnen geht sie auf die Suche nach dem Abwesenden. Aber es handelt sich bei ihr nicht um ein sentimentales oder gar um ein tatsächlich persönlich gewidmetes Totengedenken. Denn: Sie kannte ihn nicht. Aus dieser Unkenntnis nimmt sie eine behutsame, eine wertschätzende Distanz ein.
Sie hat sich das Material nicht einfach angeeignet. Nicht einfach benutzt. Sie ist damit umgegangen. Langsam, überlegt, akribisch, den eigenen künstlerischen Prozess genau beobachtend.
Die Arbeiten, die sie hier zeigt sind Versatzstücke, aus Eigenem und Fremden und werden genauso zu etwas Neuem.
»Nein, es ist keine Annäherung an die Person«, sagt sie. Vielleicht ist es dann vielmehr eine Reflexion über die Bedeutung von Bildern, eine Reflexion über Bildlichkeit, eine Reflexion über die gebrochene Repräsentation von etwas Abwesendem – sage ich. Hätte Sie des Toten in einem repräsentativen Sinn Gedenken wollen, hätten es auch Fotografien getan. Sie hatte auch ein Video von ihm. Aber genau dieseszeigt sie nicht.
Ihr künstlerisches Verfahren entzieht sich genau dieser Abbildlichkeit. Sie geht auf Distanz zu jeglicher Form abbildlicher, fotografischer Repräsentation. Verrätselt. Durchkreuzt vermeintliche Transparenz.
[1] Bossmann, Gabriele: Ulrich Bossmann. Die Beschreibung eines Künstlers. o.O. 2011.: vgl. http://www.blurb.de/b/2566482-ulrich-bossmann.[2] Vgl. zur Biografie des Künstlers: ebd.[3] vgl. ebd.[4] vgl. ebd.[5] Belting, Hans: Bild-Anthropologie. München 2002[6] ebd.